Die Piraten sind zweifelslos die Polit-Newcomer des Jahres. Piraten hier, Piraten da, Piraten 7,5 %, Piraten in den Bundestag? Lediglich die Spekulationen übertreffen die Fragen noch in ihrer Menge. Doch die wirklich interessante Frage vor einer Wahl sollte doch niemals solche nach dem Ergebnis, sondern solche nach dem „Warum“ sein.
Warum wählen die Menschen eine Partei, die laut den etablierten Spitzenparteien doch nur ein einziges Wahlkampfthema und intern wohl mehr Probleme als die Eurozone als Gesamtes hat? Warum fühlen sich vor allem junge Menschen und Nichtwähler von ihr angezogen?
Um einen Überblick über die Wählerschaft zu bekommen braucht es nur einen kurzen Blick auf eine der Mitgliederversammlungen der Piraten. Ohne ein Vorurteil aufgreifen zu wollen sind es doch vermehrt junge Wähler. Wähler zwischen 25 und 35 Jahren, aufgewachsen unter Helmut Kohl, im Angesicht von Tschernobyl, RAF, dem Fall der Mauer, dem endlich vereinigten Europa, Kurseinbrüchen und der niemals schrumpfenden Angst es könnte etwas passieren. Erzogen in nahezu vollkommener Freiheit und mit der Chance alles zu können, alles zu erreichen und all das zu tun wovon ihre Eltern nicht einmal gewagt hätten zu träumen. Gereift in einer Welt die schon damals von der Unsicherheit des Tagtäglichen lebte, von der Ungewissheit über einen festen Job, von der Ungewissheit über eine vielleicht niemals strukturierte Lebensplanung. Geformt und erschaffen zu einer neuen Generation voller Lebenskünstlern denen es , wenn es nach ihren Eltern oder den damaligen Werbeslogans von Helmut Kohl geht, an Disziplin fehlt. Eine Generation die es wusste ihre Bildungschance zu nutzen, um es einmal besser zu haben als die Eltern. Besser als nur bürgerlich. Besser als ungewiss.
Eine Generation die dazu erzogen wurde in einer Welt, in welcher Traditionen und Kirche immer weniger Zustimmung, die Individualisierung aber umso mehr Zustimmung fand, nicht nur zu leben, sondern zu wirken, sich zu entwickeln. Und allen Vorsätzen voran: Etwas Eigenes zu schaffen. Eine Gruppe junger Menschen, gänzlich mit post-materiellen Werten erzogen, in denen die Selbstverwirklichung nach Maslow ihren absoluten Zenit erreicht. Die materiellen Werte in einem solch starken Maß erfüllt wurden, dass die Selbstverwirklichung im Folgedenken nicht mehr nur eine Möglichkeit sondern eine Pflicht wird. Eine Pflicht an der sie oft verzweifelt ist und teilweise immer noch verzweifelt. Doch schlussendlich ist es eine Generation die auf dem Weg zur Selbstfindung und Selbstverwirklichung oft als Kollektiv vergessen wird.
Doch eben damit soll jetzt Schluss sein. Ein-Thema-Partei hin oder her, die Partei der Piraten vertritt eben genau dieses Klientel an Wählern. Eine in gänzlicher Freiheit und mit allen Möglichkeiten, hohem Bildungsstandard und post-materiellen Werten erzogene Generation die in den Piraten nun auch endlich ihr politisches Abbild gefunden hat. Längst suchen die jungen Wähler der Mitte nicht mehr nach dem was die alternden Parteifunktionäre anboten. Zu sehen war das vor allem an den erschreckenden Ergebnissen der Wahlbeteiligung, die in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen hat. Keineswegs des Programms an sich wegen oder weil die neue Generation ein Besseres zu bieten hat. Sondern schlicht und ergreifend, weil sich in den vergangenen Jahren eine Wertesynthese vollzogen hat, die sich über alle Bereiche des sozialen Lebens erstreckt.
Das beste Beispiel für diese bietet die Wahlbeteiligung als solche. So war es in der Nachkriegszeit und bis tief in die 70er-Jahre absurd, nicht wählen zu gehen, also seine Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung nicht zu nutzen. Ein Gut das ein großer Teil der Wähler, damals in ihrer Kindheit missen mussten, es also in ihrem späteren Leben als Erwachsene umso exzessiver auslebte. Die Generation der heutigen Piraten-Wähler aber genoss diese Möglichkeit zur Freiheit in beinahe überschwänglichem Maße und stellt die Freiheit an einer Wahl teilzunehmen keinesfalls mehr an eine hohe Position in ihrer maslowschen Pyramide. Das heißt keinesfalls, dass sie deswegen politisch inaktiver sind. Im Gegenteil sogar: Es zeichnet sich sogar ein Trend ab, der zeigt das Menschen heute politisch um einiges aktiver sind als früher. Aber eben nicht mehr in den traditionellen Formen wie beispielsweise durch das Wählen bei einer Bundestagswahl, sondern durch neue Formen der Mitbestimmung wie beispielsweise, die überaus erfolgreichen Internetdiskussionen und Internetabstimmungen der Piraten. Und das ist in dieser Form auch auf gar keinen Fall verkehrt. Denn es ist klar, dass sich von Generation zu Generation eine Wertesynthese vollzieht, die von der älteren Generation zwar oft als Werteverfall deklariert wird, in Wahrheit aber nur eine Verschiebung der Moralvorstellungen ist, die auch in der politischen Landschaft versucht einen Ausdruck zu finden. Und dieser Ausdruck sind die Piraten.
Schon lange zeichnete sich die Unzufriedenheit der oben aufgeführten Generation in der Politik ab. So fand die Politik in den letzten Jahrzehnten keine Antwort auf die Lebensweise der jüngeren Generation, nicht etwa weil sie kein gutes Programm mehr stellte, sondern weil sich die Fundamente der Moral in ihren Grundzügen verändert hatten. So ist es für die Politiker, die im 2. Weltkrieg aufgewachsen und mit strengen Moralvorstellungen aufgewachsen sind kaum möglich eine Welt oder gar ein Parteiprogramm zu entwerfen, in welchem die Ordnung und Sicherheit eine untergeordnete, die für die jüngere Generation aber so wichtige Freiheit eine umso wichtigere Rolle spielt.
Und eben diese unterschiedliche Moralvorstellung spiegelt sich auch in den Hierarchien der alteingesessenen Parteien wieder: Ein System, welches nur auf Ordnung und meist strengen Aufstiegsmöglichkeiten aufgebaut ist. Das System der Piraten auf der anderen Seite zeigt durch seine Transparenz und offene Struktur eine klare Entwicklung, hin zu den Bedürfnissen ihrer gleichaltrigen Wähler. Zeigt den Weg hin zu einer Partei in der die Ordnung nicht halb so wichtig ist wie das Individuum. In der das Individuum und dessen Freiheit und Autonomie oberste Priorität genießen. Und in welcher Partei findet man das Gefühl von Freiheit besser vertreten als in der Partei, die das Urhebergesetz –ein fester Ordnungspunkt im Rechtssystem- eindämmen oder gar abschaffen möchte?
Autor: Nils Wischmeyer